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... auch digitale Höhenmodelle haben manchmal abenteuerliche Geschichten ...

Im Frühjahr 1985 hatte ich einen sagenhaften Rechner mit dem klangvollen Namen Bildverarbeitungssystem Robotron A 6432 auf der Leipziger Messe zu betreuen. Digitale Rasterbildverarbeitung war 1985 eine noch ziemlich junge Technologie, es war die Zeit der Parallel-, Vektor- und Pipelineprozessoren.

Ein Kunde kam mit Bilddaten auf einem 1/2 Zoll-Magnetband. Feine Adern und Verzweigungen waren zu sehen. Zuerst hielt ich es für eine Gehirntomographie oder so etwas ähnliches.

Zwei Tatsachen sprachen dagegen.

1. Auch ausgeprägte Sächsische-Schweiz-Liebhaber dürften in ihren Hirnen kaum die markante Elbschleife bei Rathen manifestieren.

2. Der Kunde war Dr. Kuhn vom Kombinat Geophysik Leipzig. Da war ein medizinischer Kontext wenig naheliegend.

Kurz und gut, es war kein Tomogramm, vielmehr hatte ich das erste Digitale Geländemodell in meinem Leben erblickt.

Elbe, Weißeritz, Müglitz, Kirnitzsch, Polenz, Schneeberg, Winterberg, Kahleberg ... alles was es in meiner mental map rund um Dresden gab war da drauf.

Woher hatten die so etwas??

Für Schweremessungen braucht man sehr genaue Höhen. Quellen der Daten sind zu Oberflächenschwerewerten des Schwerenetzes ISGN 1971 gehörige Normalhöhen im System SNN 1956. Die Aufnahme erfolgte per Feinnivellement und wurde seinerzeit mit großem Aufwand vom Topographischen Dienst Sachsen realisiert.

Bei der Geophysik wurde aus den Daten ein Rasterhöhenmodell interpoliert. Dies erfolgte auf einem Großrechner Robotron EC 1055, einer Maschine von Supermarktgröße mit damals riesig erscheinenden acht Megabyte Hauptspeicher.


Richtig, die EC 1055 war ein Nachbau der IBM 360. Aber was heißt hier Nachbau? Heutzutage denkt man da immer an Cocom-Liste, Schalck-Golodkowski, Erich Mielke, die CIA und die Glienicker Brücke. In Wirklichkeit war es aber ganz anders ... —

Dateiarbeit ging auf PDP11 unter RSX11M z. B. nur über die kryptisch gefährlichen, ungeheuer langsamen und sagenhaft viel Speicher verbratenden Makros der File Control Services FCS. Die liefen umständlich über eine Ancillary Control Primitive F11ACP. Es musste irgendwie auch ohne die FCS gehen. Aber wie kriegt man das raus??

Es gab da den Betriebssystem-Debugger XDT. Ein Breakpoint auf den Eintrittspunkt der Gerätedriver-Steuerblockkette $$DVHD, das gab dann einen Trap bei jeder E/A-Anforderung. Dann die Register aufgemacht. In R3: Die DCB-Adresse der Device. In R5: Die TCB-Adresse der Task. Gucken: Ob es deine Task und deine Device war. Nun gab es diese gewissen, nirgendwo dokumentierten IO-Codes. IO.FNA, IO.CRE, IO.ACR, IO.ACW, IO.DAC etwa. War eine neue Datei anzulegen, kamen die FCS mit einem IO.CRE in den Trap. Bei einem Dateiöffnen für eine existierende Datei mit Schreibanforderung kam er mit einem IO.ACW, bei einer Leseöffnung mit einem IO.ACR vorbei.

Da waren die Deutungen Create, Access Write, Access Read usw. naheliegend. DEL war der Delete, FNA der Find Name. So fanden wir die Systembefehle mit denen das System selbst Dateien erzeugte, öffnete und schloss ...


Ein Exemplar der EC 1055 steht heute im Heinz-Nixdorf-Museum-Forum in Paderborn. Und die IBM 360 ist in die Kartographie-Geschichte dadurch eingegangen, als dass auf ihr Kurt Brassel 1973 eine der ersten analytischen Schummerungen gerechnet hat.

Irgendwie habe ich mich mit den Daten infiziert, und bin bis heute von digitalen Höhenmodellen befallen. Was man mit Höhenmodellen machen kann?

Zum Beispiel Kombinationsschummerungen

oder Farbschummerungen

Das Höhenmodell-Bild enthält die Originaldaten und steht in unkomprimiertem Jpeg.


Es ist wahrscheinlich, dass das seinerzeit mit großem Aufwand gerechnete Höhenmodell im Zuge der deutschen Vereinigung weggeschmissen wurde. Ich habe bei der Geophysik und dem Landesvermessungsamt Sachsen nachgefragt, aber ich habe niemanden gefunden, der noch etwas von den Daten gewusst hätte. Ich war dann nochmal bei Robotron und es lagen da noch ein paar alten 1/2-Zoll-Magnetbänder in einer Ecke. Ich habe sie mitgenommen und an der FU Berlin dank Prof. Albertz auf einer ollen DEC PDP-11 eingelesen und über Sun-Workstation auf Diskette rübergeholt.

Nun gibt es SRTM. Und damit sind die Daten ein Fall fürs Daten-Museum. Ob es in Zürich noch die Lochkarten mit dem Dent du Morcles gibt? Die Magnetbänder liegen jedenfalls noch auf meinem Dachboden ...


Ja, ja, lang lang ist's her. Unseren guten alten Robotron-Vertrieb Berlin gibt es natürlich nicht mehr. DEC wurde inzwischen von Compaq aufgekauft und Compaq von HP. Ken Olsen ist 1996 gestorben und die DEC Documentation gibts jetzt bei den Bitsavers

Nachtrag: Kleine Zeitreise durch die letzten 30 Jahre

Alles richtig. Am 18.05.2006 die 1980 geschriebene und 1993 hochgeladene Quelle acpman.doc von Ralph Stamerjohn, Monsanto, St. Louis entdeckt. Stamerjohn zitiert u. a. an article written by Andrew Goldstein of Digital in November 1976.

Die entscheidende Parameterdokumentation (Appendix D.3, FILES QIO FUNCTION) lautet:

|-----------------------------------------------| | Size | DIC | |-----------------------|-----------------------| | Function Code | Modifier | Q.IOFN Q.IOFN |-----------------------|-----------------------| | Reserved | LUN | Q.IOLU |-----------------------|-----------------------| | Priority | EFN | Q.IOPR Q.IOEF |-----------------------------------------------| | I/O Status Block | Q.IOSB |-----------------------------------------------| | AST Address | Q.IOAE |-----------------------------------------------| | FID Pointer | Q.IOPL |-----------------------------------------------| | Attribute List Pointer | |-----------------------------------------------| | Extend Control | Delta Size (High) | |-----------------------------------------------| | Delta Size (low 16 bits) | |-----------------------------------------------| | Access Control | Window Size | |-----------------------------------------------| | FNB Pointer | |-----------------------------------------------|

Wow! The never seen heart of the DEC PDP11 File system.

Alles alter Schnee, der längst weggetaut ist? Teilweise ja. Ein Blick in die Wikipedia unter Digital Equipment Corporation:

"Die PDP-11 inspirierte eine ganze Generation von Programmierern und Softwareentwicklern. Es gibt (im Jahr 2004) 25 Jahre alte (Hardware und Software) PDP-11 Systeme, die immer noch zur Maschinenüberwachung und Steuerung in Fabriken (und auch in Kernkraftwerken) eingesetzt werden."

Wahnsinn. Das Zeug macht vielleicht immer noch unseren Strom. Und wenn es dann ein bisschen zu viele Neutronen werden, gibt er Interrupt und dann geht er mit dem File-ID auf Q.IOPL in den guten alten QIO. Und seit 15 Jahren gibt keine Seele mehr, die da irgendetwas debuggen könnte!

UM GOTTES WILLEN NIEMALS SO ETWAS MIT UNIX ODER LINUX PROGRAMMIEREN!

(Windows ... äh, hier geht es um richtige Betriebssysteme)

Best regards to Esther, the other 370 programmer in the world and Old Stamerjohn.

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