Wie groß ist eigentlich die Sächsische Schweiz?

Seit Götzinger ist das eine uralte Frage. Und schon immer gibt es da gewisse Unschärfen:

Was können maßgebliche Regeln sein?

  1. Klar ist die Grenze zur Böhmischen Schweiz. Das ist die Landesgrenze.
  2. Als im Norden und Westen angrenzende Landschaften gelten Erzgebirge, der Raum Dresden, sowie die (Ober-)Lausitz. Kleinere Einheiten, wie Erzgebirgsvorland, Schönfelder Hochland oder Stolpner Land können diese überlagern, wenn sie nicht zur Sächsischen Schweiz zugerechnet werden, sondern als außerhalb gelten. Keine halbzugehörigen Rand- und Übergangsbereiche oder Niemandsländer à la „Rathewalder Randebenheit“, „Porschendorfer Becken“ oder „Erzgebirgsgrenzgebiet“.
  3. Die Grenze soll also eine scharfe Linie sein. Die Abgrenzung soll auf etwa ±50 m genau möglich sein.
  4. Der höchste Berg der Sächsischen Schweiz ist schon immer der Große Zschirnstein mit 561,7 m ü NHN. Will heißen: Im Westen rechtzeitig abgrenzen, über 562 Meter Meereshöhe (z. B. Oelsener Höhe) ist es dann auf jeden Fall Erzgebirge.
  5. Als natürliche Begrenzungslinien von Gebirgen werden Flusstäler und Sättel angenommen, Gebirge grenzen sich nunmal durch Täler voneinander ab. Die Tallinien sollen möglichst ausgeprägt sein, also breite Talauen bevorzugen, kleine Klammen und Mäander in Flachbereichen als Grenzlinie vermeiden.
  6. Cunnersdorf (bei Hohnstein), Ehrenberg, Krumhermsdorf und Schönbach rechnen wir eher der Sächsischen Schweiz, als der Lausitz zu. Das wird zur Folge haben, dass Polenz und Neustadt Grenzorte werden und Unger und Götzingerhöhe der Sächsischen Schweiz (statt der Lausitz) zugeordnet werden. Das ist keine ganz unwidersprochene Annahme, hat aber Tradition: Götzinger hat sogar den Valtenberg zur Sächsischen Schweiz gerechnet, bei Friese und Meiche geht die Sächsische Schweiz auch bis Neustadt. So gehören auch das gesamte Polenztal und die Bockmühle zur Sächsischen Schweiz. Das entspricht der allgemeinen Ansicht.
  7. Eine Landschaftsgrenze kann in gewissen Fällen auch eine Kulturstruktur, also eine Straße, eine Eisenbahn oder eine Siedlungslage sein, zumindest dann, wenn natürliche Linien eher unscheinbar sind. Hier aber Vorsicht. Man soll es damit aber nicht übertreiben.

Los gehts

Zuerst eine aus einem Geländemodell (Quelle DGM1, GeoSN) erzeugte Reliefkarte:

Relief Sächsische Schweiz
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Diese zeigt ausschließlich die Bergformen. Hier nun suchen, wo sind markante, landschaftsstrukturtrennende Talformen? Von Gebiet zu Gebiet urteilen: Ist das eher Lausitz oder Sächsische Schweiz, ist das eher Sächsische Schweiz oder Erzgebirge?

Die Landschaft anschauen

Wie kann man hier eine Begrenzung anordnen?

Vorüberlegung
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Wir erkennen:

  1. Im SO werden Erzgebirge und Sächsische Schweiz sehr gut von der Talweitung Hellendorf (Grenzübergang Petrovice) getrennt.
  2. Dann nicht ins Gottleubatal queren, sondern das Bahretal nach Norden.
  3. Markant landschaftstrennend ist der Langenhennersdorfer Flachraum („Kalbenhof-Ebenheit“), wobei wir mit der Landschaftsgrenze getrost ein wenig nach Westen ins Bahretal ausweichen können und dort die Gottleuba erreichen.
  4. Nun weiter im Gottleubatal nach Pirna.
  5. Wo in Pirna Gottleuba und später dann Wesenitz in recht zufälligen Bögen und Mäandern verlaufen, kürzen wir ab. Wir legen die Landschaftsgrenze durch die Pirnaer Altstadt und über die Elbrücke.
  6. Nun ein kleines markantes Tal nach Nordosten. Wir vermeiden es damit, die großlandschaftlich kaum in Erscheinung tretende Wesenitzklamm zur Landschaftsgrenze zu machen: Selbstverständlich steht es dem Liebethaler Grund zu, beidseitig Sächsische Schweiz zu sein.
  7. Ganz markant ist der große Sattel zwischen Schöner Höhe und Breitem Stein im Bereich Porschendorf – Dürrröhrsdorf. Also Schöne Höhe außerhalb, Breiter Stein innerhalb.
  8. Ebenso als Landschaftsgrenze sofort ins Auge springend: Die große Talaue des Langenwolmsdorfer Baches südlich Stolpen.
  9. Über einen Sattel geht es ein kleines Tal hinab ins Polenztal.
  10. Anschließend ist die Polenzer Talweitung eine sehr gute Landschaftsgrenze (weiter nördlich, wo die Straße entlangführt, ist es eher ungünstig). Und weiterführend in die große Talweitung von Neustadt.
  11. Folgerichtig geht es weiter polenzaufwärts. Im Sattel Langburkersdorf ist die Landesgrenze erreicht.

Nun die Grenzlinie genau festlegen

Grenzlinie
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Ab Grenzübergang Petrovice die Straße zur Bahrebrücke. Bahreabwärts bis zur Bahremündung in die Gottleuba in Zwiesel. Dann gottleubaabwärts bis Pirna, in Pirna recht gerade über die Elbbrücke hinweg zur Wesenitz. Weiter folgen wir nicht jedem Mäander der Wesenitz, sondern dem Hauptbachlauf unter dem Prallhang. In Liebethal entpuppt sich das „kleine markante Tal“ als Klemnitzgrund, die Klemnitz ist der Wünschendorfer Dorfbach. Diese zunächst aufwärts, aber nicht (nach NO) nach Wünschendorf einbiegend, sondern gerade in ausgeprägter Tallinie weiter nach NW. Dann gerade über den Sattel wieder hinab zur Wesenitz, Abzweig Porschendorfer Straße. Diese entlang von Porschendorf nach Dürrröhrsdorf. Dort die Bahnlinie entlang durch den Bahnhof hindurch, der damit zu einer markanten „Landschaftspforte“ wird. Die Gleise weiter, nach einigen hundert Metern ein kleines Tal (etwas oberhalb der Buschmühle) hinab zur Wesenitz. Weiter wesenitzaufwärts. An der Neumühle in Altstadt mündet der Langenwolmsdorfer Bach. Diesen aufwärts bis oberhalb Langenwolmsdorf-Mitteldorf, dort wi die Neustädter Landstraße abzweigt. Über den Sattel „Eisenbahnbrücke“ (Straße nach Heeselicht) hinweg. Anschließend ein kleines Tal, welches wir „Waldmühlenwegtal“ nennen, hinab ins Polenztal, Bereich Waldmühle. Dann der Polenz aufwärts folgen, durch den Ort Polenz, weiter durch Neustadt nach Langburkersdorf. Oberhalb Langburkersdorf wird wieder die Landesgrenze erreicht.

Ist eine solche Grenzziehung plausibel?

Gewiss doch:

Zeisigstein und Hartenstein: Sächsische Schweiz — Panoramahöhe, Großes Horn, Wachsstein (sowie Oelsener Höhe, nicht im Bild): Erzgebirge —

Ausschnitt hellendorf

Bernhardstein und Napoleonstein: Sächsische Schweiz — Cottaer Spitzberg: Erzgebirgsvorland —

Ausschnitt Cotta

Breiter Stein: Sächsische Schweiz — Schöne Höhe, ebenso Quellenberg (=Q): Schönfelder Hochland —

Ausschnitt Liebethal

Hohes Birkigt: Gerade noch Sächsische Schweiz, ebenso: Ungerberg, Gerstenberg. — Karrnberg, Hoher Hahn: Lausitz —

Ausschnitt Neustadt

Und zum Schluss: – eine schöne Karte drausmachen

Grenze der Sächsischen Schweiz
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Die Bilder dieser Seite sind Public Domain und dürfen mit Quellenangabe gern weiterbenutzt werden.


Wer vielleicht Geoinformatiker ist und es ganz genau wissen will: Die Karte ist 36×28 Quadratkilometer groß und steht in UTM-Pixeln. Pixelkantenlänge 40 Meter (Monitorbilder) bzw. 10 Meter (Linkbilder).


29.11.2019: Und schon trifft energisch Protest ein. Markus Ehrentraut aus Berggießhübel fordert engagiert die Zugehörigkeit des Gottleubatales zur Sächsischen Schweiz:

  1. Wird in jeher in der Reiseliteratur der Sächsischen Schweiz zugerechnet
  2. Zehistaer Wände: Sandsteinfelsen
  3. Gersdorfer Ruine, Jagdstein, Hochstein, Brand, Raabsteine, Augustusberg, Wachstein. Alles Sandstein
  4. Wandergebiet schon im 18. Jahrhundert, lange bevor es im „Meißner Hochland“ mit dem Wandern losging.
Habe ich mich hier vielleicht zu stark vom Peterswalder Pass blenden lassen? Und zeigt nicht auch die rote Abkreuzung des Passes südlich des Wachsteines in meiner Karte, dass ich schon den Gedanken gehabt habe, die Grenze zwischen Sächsischer Schweiz dort entlang zu ziehen? Nordöstlich davon Sächsische Schweiz, südwestlich des Passes freilich (wegen der Oelsener Höhe), Erzgebirge.

Natürlich gibt es auch Argumente, Bad Gottleuba–Berggießhübel dem Erzgebirge zuzurechnen, z. B. das Eisenerz. „Am anderen Ende“ war ich freilich mit dem Bereich Neustadt-Unger-Polenz auch recht „Sächsische-Schweiz-raumgreifend“. Für diese unterschiedliche Entscheidung gibt es Gründe, die 2 Sichtweisen entstammen:

Wie dem auch sei, ich bleibe für Argumente offen. Vielleicht muss ich meine Grenzziehung noch einmal revidieren?

23.11.2019: Rohfertig (noch paar Tippfehler drin)
25.11.2019: Durchsicht
29.11.2019: Mail M. Ehrentraut

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