Der Doppelreißfederring
Herzliche Grüße an Aniko Diegel, Blaustein.
Die Königsdisziplin der kartographischen Grundrisszeichnung sind parallele Doppellinien.
Um die zu zeichnen, gibt es die Doppelreißfeder. Zusätzlich konnte man die Feder nicht nur als Stift mit einem gewöhnlichen Federhalter, sondern auch in einen Doppelreißfederering eingesetzt benutzen. Dadurch wird das Zeichnen besonders präzise. Der Ring besitzt 2 Füße, der dritte Fuß ist die Feder. In der Mitte des Ringes befindet sich eine Lupe, mit deren Hilfe man die Feder ganz genau führen konnte.
Zunächst noch etwas Zubehör:
- Tusche
- Fadenzähler (eine besonders stark vergrößernde Lupe)
- Putzlappen, das Grundreinigungsmittel für Federn
- Kartonstreifen, mit denen man die Feder innen reinigt
- Wasser (am besten destilliertes Wasser)
Ich benutze die Tuschefabrikate Pelikan Tusche A, Rotring Zeichentusche, Windsor & Newton, Rohrer & Klingner, hier in aufsteigender Schwere („Schellackhaltigkeit“) geordnet, wobei die schwereren Tuschen schlechter laufen und schneller eintrocknen, also mehr Übung erfordern, aber auch edlere, schärfere, tiefschwärzere, wasserfestere und radierfestere Zeichnungen ergeben.
Es gibt auch vielfältig andere „neumodischere“ Acryl-, Künstler- und Kalligrafietuschen, die oft ebenfalls sehr gut brachbar sind – ausprobieren. Letztendlich ist die Reißfeder äußerst „tuschedankbar“, sie zeichnet (anderes als Rappis) mit allem, was nur irgendwie fließt. Wichtig: Nach dem Zeichnen nicht eintrocknen lassen, sondern putzen, das ist bei der Reißfeder mit Putzlappen und Kartonstreifen (für die Innenräume) ganz leicht.
So sieht die Doppelreißfeder aus — zwei Spitzen, die aus je zwei Holmen (Schenkeln) bestehen. Die Doppelreißfeder hat an der Feder drei Stellschrauben, für jede Federspitze eine, die die Linienstärke regelt, und eine, mit der man den Abstand zwischen den beiden Spitzen einstellt:
Die Tusche am besten mit einer alten Zeichen-, Reiß- oder oder Redisfeder (kommt bei Zubehör noch dazu) in die Feder einfüllen. Aufpassen, dass die Tusche nur zwischen den Holmen und nicht in der Mitte zwischen den beiden Spitzen eingefüllt wird. Auch außen auf den Holmen darf keine Tusche sein.
Mit viel Tusche zeichnet es sich am schnellsten los:
Allerdings kriegt man mit „viel Tusche“ nur recht breite Linien hin.
Darum für feine Zeichnungen nur ganz wenig Tusche einfüllen:
Entschuldigung, bissl unscharf
Mit der mittleren Rändelschraube (s. Bild ganz oben) wird der Federhalter (oder Stift) im Ring fixiert. Hier ist ganz wichtig, die Feder exakt genau so hoch einzustellen, wie die Füße.
Im Federhalter befindet sich eine Hochachse, um die die Feder drehbar ist, die sich mit der oberen Rändelschraube (s. Bild ganz oben) fixieren lässt. Normalerweise zeichnet man unfixiert, also mit gelöster Schraube. Die Feder kann sich dann drehen, sie läuft mit etwas Nachspur, so dass sie sich (wie ein Supermarkt-Einkaufswagenrad) immer selbsttätig richtig in Zeichenrichtung einstellt.
Zur Probe zeichnen wir zunächst verschiedene Schlängellinien oder Serpentinen. Wenn nur eine Linie auf je einer Seite der Serpentine gezeichnet wird, so liegt das daran, dass die beiden Füße und die beiden Federspitzen nicht in einer Ebene liegen, d. h. die Höhe der Feder entspricht nicht der Höhe der Füße. Dann (mit mittlerer Rändelschraube) die Höhe der Feder feinfühlig ändern. Es kommt auf etwa 1/4 mm an. Test mit weit auseinander liegenden Linien, denn dann ist der Fehlereffekt besonders groß:
Die dünnste Linie, die ich auf Anhieb mit dem Ring geschafft habe, ist eine 0,25/0,40/0,25 (d. h. Signaturgesamtbreite 0,90 mm). Das ist schon recht gut.
Mit feinem Einstellen der Linienstärken sollten 0,20 mm noch ganz gut, evtl. auch noch 0,15 mm zu zeichnen sein. Dafür braucht es dann aber schon etwas mehr Einstell- und Testaufwand. Man darf dann während des gesamten Kartenzeichens die 3 Rändelschrauben nicht verstellen, denn einmal eingestellt und dann verstellt, kriegst du das schnell nicht mehr wiederholt hin.
Einzelreißfedern wurde früher auf Ölstein so angeschliffen, dass sie auch noch Linienstärke 0,10 mm zeichnen konnten; das waren die dünnsten Linien, die die Zeichenvorschrift der topographischen Karten gefordert hat (bei 0,12 hat aber auch noch keiner gemeckert). Linienstärke 0,05 mm galt als seltener Rekord, der nur mit stunden- oder taglangem Federschleifen zu erzielen war, wobei auch einige Federn „verschliffen in den Schrott gingen“. Derartige Präzisionsfedern wurden dann ein ganzes Kartografenleben als wahrer Schatz bewahrt und „mit Gold aufgewogen“.
Die dünnsten Linien, die man mit einer Doppelreißfeder zeichnen konnte, maßen etwa 0,10/0,30/0,10 mm (d. h. Gesamtbreite 0,50 mm).
Etwas Übung bedarf es bei der Doppelreißfeder auch, beide Linien genau gleich stark (oder dünn) einzustellen. Manchmal haben die Kartographen aus der Not eine Tugend gemacht und Straßenssignaturen mit zwei unterschiedlich starken Linien gezeichnet. Die wurden dann immer rechts bzw. unten verstärkt (man musste die Ziehrichtung also entsprechend wechseln). Das gab einen feinen Schatteneffekt.
Vor dem Ausziehen der Linien mit dem Ring wird die Linie in Blei vorgezeichnet und dann die Feder per Lupe auf der Bleilinie entlang geführt. Das schafft man auf etwa 0,50 mm genau.
Und so sieht die fertige Linie aus:
Die Reinzeichnung wurde dann auf extraharten Film reproduziert und sah dann so aus —
eine erste Reinzeichnung:
Bei Straßenkreuzungen und -abzweigen, mache ich es so, dass ich die Linie ein kleines Stück aussetze und die Anschlüsse dann manuell mit einer Zeichenfeder oder einem Rappi unter dem Fadenzähler ergänze.
Der Legende zufolge soll es sogar Dreifachreißfedern für Autobahnen gegeben haben, aber ich glaube – das ist Kartographen-Seemannsgarn.
Den Doppelreißfederring habe ich aus dem Werkzeug-Nachlass des Verlages von Gerhart Seeger, Freiburg, erhalten und bewahre ihn als wertvollen Schatz.
18.06.2026 Initial