Das Kirnitzschhochwasser 2021

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Kartenseite Hochwasser Niederostrau 2021
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Video Kirnitzschtalstraße

Sonnabend, 17.07.2021

Nichts, als ein plötzlicher Wolkenbruch

Am Sonnabend, dem 17.07.2021 hat es den ganzen Tag geregnet. Gegen nachmittag wurde allmählich ein Wolkenbruch daraus. Eigentlich ist ein Starkregen ja kein Grund zur Sorge.

Doch was ist das? Zwischen zwei Häusern bahnt sich eine Mure ihre Bahn ins Kirnitzschtal. Plötzlich treibt ein gewaltiges Rauschen die Menschen aus den Häusern. Dort war doch noch nie Hochwasser gewesen! Wie wild schießt das Wasser die Hänge herab. Die Haustüren ließen sich bereits nicht mehr öffnen, man musste seine Wohnung über die Fenster verlassen. Von Ferne sieht Mure 8 so aus:

Mure 8

Was ist das? Unterhalb von Mure 8 gibt es an einem sonst völlig trockenen Wiesenhang plötzlich einen Wasserfall – den „Langerfall“:

Langerfall

Der kann glatt mit dem Lichtenhainer Wasserfall mithalten:

Detail Langerfall

Etwas weiter oberhalb mündet des Trockental des Ostrauer Dorfgrundes ins Kirnitzschtal. Dort stürzt Mure 9 hinab. Hier der Vergleich mit 2010 (etwas herunterscrollen). Auf dem Niederweg fießt das Wasser noch einigermaßen laminar entlang:

Mure 9

Doch bald schon wird es turbulent:

Mure 9

Etwas weiter nach unten folgendes Bild:

Mure 9

Der vielleicht gerade halbmeterhohe 2010er Hochwasserverbau am Straßenrand der Hausgrundstücke Niederweg 7 und 9 hat übrigens gerade noch so gehalten. So ist Mure 9 nicht durch die Hausgrundstücke und Häuser, sondern rechtsabbiegend den Niederweg entlang abgeflossen. Das war aber nur deshalb möglich, weil sich oben am Ostrauer Berg ein Großteil des Wassers in Mure 8 verzweigt hat. Also haben sich die Häuser 8 und 10 geopfert.

Hinten im Bild eine Wasserfläche, die schnell wächst. Das ist nicht mehr Mure 9, sondern schon die nächste Mure oder Sturzwasser 12, welches an der Abwasserpumpstation Niederweg 12 den Hang herunterkam (und unten die Pumpstation zerstörte): zu Tal:

Sturzwasser 12

Schnell steigt die Kirnitzsch. Die vier Bäume in Bildmitte sind normalerweise das jenseitige Ufer:

Sturzwasser 12

Gegen 19 bis 20 Uhr ist der Hochwasserscheitel erreicht. Wie friedlich so ein Hochwasser doch aussieht? Wer das denkt, bitte links im Bild den mitgerissenen Baumstubben beachten:

Sturzwasser 12


Ein Blick auf die Pegel (www.umwelt.sachsen.de) – Pegel Buschmühle 1 ist der Pegel am „Thorwaldeck“:

Pegel Buschmühle 1

Pegel Buschmühle

Pegelstand etwa 1,10 m, maximaler Durchflussstrom etwa 8,5 m³/s. Man beachte die beiden Maxima. Die erste Spitze hat ohne jegliche Vorwarung der Saupsdorfer Bach erzeugt. Kurz vor Mitternacht kommt dann das flachere Kirnitzsch-Hauptmaximum. 8,5 m³/s sind bereits das Sechsfache des Mittelwasserabflusses, der bei der Kirnitzsch ungefähr 1,5 m³/s beträgt. Dennoch ist dies gegen den nächsten Pegel flussab eher wenig Wasser.

Pegel Kirnitzschtal (An der Dorfbachklamm)

Pegel Kirnitzschtal-Dorfbachklamm

Pegelstand etwa 2,20 m, maximaler Durchflussstrom laut Diagramm 48 m³/s. Das ist das Dreißigfache des Mittelwasserabflusses 1,5 m³/s.

Unterhalb der Dorfbachklamm nehmen die Wassermengen nochmals zu. Auf der Kirnitzschwiese unterhalb des Straßenbahndepots steht das Wasser 1,80 m hoch. Das sind 2,80 m über Mittelwasser, etwa Pegel 3,30 m, also nochmals 1,10 m mehr. 2010 stand dort das Wasser 2,60 m auf der Kirnitzschwiese, der seinerzeitige Durchflussstrom Pegel Buschmühle war 96 m³/s. Anhand dessen schätzen wir den 2021er Durchfluss auf 70 m³/s. Zeigt der Pegel Kirnitzschtal zu wenig an? Wohl nicht. Von den fehlenden 22 Kubikmetern pro Sekunde ist ein gut Teil gewiss auf den weiteren Zustrom unterhalb des Pegels zurückzuführen, denn es münden ja noch Dorfbachklamm, Finsterer Graben (die „Waldhäuslschlucht“) und Grauer Graben. Auf der anderen Seite münden die Wasser von Muren 12, 10 und 9 von Ostrau her ein, und gewiss noch viele andere kleinere Hangwässer, Schlucht Niederweg 24 nicht zu vergessen.

Zum Vergleich: mittlerer Abfluss Elbe: 300 m³/s. Ein Viertel des Elbabflusses in der Kirnitzsch, das muss man sich mal vorstellen. Und in der Tat würde hier ein Elbdampfer (wie schon 2010) in der Kirnitzsch fahren können.


Das Unwettermaximum lag etwa zwischen 15 bis 18 Uhr, ungefähr 19 bis 20 Uhr war der Höchststand in der Kirnitzsch erreicht und um 23 Uhr war das Wasser schon wieder um einen Meter gefallen.

Eines zeigt der Pegelvergleich auch: Wir Kirnitzschtaler wünschen uns immer wieder eine hypothetische Talsperre „Thorwaldeck“ oder „Thorwaldbrücke“. Weil dort oben aber nur max. 8,5 m³/s abgeflossen sind, hätte dies diesmal eher nichts genützt. 90 % des Wassers sind erst im unteren Kirnitzschtal die Hänge heruntergekommen.


Wir erkennen in Bad Schandau drei Typen von Hochwasser:

  1. Elbehochwasser, viel Vorwarnzeit, die aber nur begrenzt etwas nützt. Das Wasser fließt ganz friedlich dahin, aber – es steigt und steigt, jede Stunde ein paar Zentimeter, unaufhörlich, tagelang und es wird alles ersäufen. Nach dem der Scheitel durch ist, ebenso langsames Fallen. Es kann Wochen dauern, bis das Wasser wieder weg ist. Übrig bleibt unendlicher dicker Schlamm.
  2. Das typische Kirnitzschhochwasser, das sich aus dem gesamten Einzugsgebiet speist, wie 2010. Das Wasser kommt auch aus hinterem Zschand und Khaatal, was für ein paar Stunden Steig- und damit Vorwarnzeit sorgen kann. Nach ein, zwei Tagen ist alles vorbei. Gewaltige Strömungsschäden im Kirnitzschlauf mit den gefürchteten Verklausungs-, also Baumstamm-Mitrissen, die schon einmal ein paar Brücken mitnehmen können. Nur diese Sorte Hochwasser lässt sich von den gelegentlich geforderten Rückhaltebecken Typ „Thorwaldeck“ zurückhalten.
  3. Und nun eben noch die Hangsturzbach-Hochwässer. Vorwarnung illusorisch – binnen Minuten können sich die talrauschenden Sturzfluten aufbauen. Hier ist das Hauptschadensereignis die Mure, deren furchteinflößende Reste die Bagger dann stets tagelang wegbaggern.
  4. Zusatztyp, von Nr. 1 abzusondern: Die seit Jahrhunderten gefürchteten Eisaufbrüche der Elbe. Hier haben sich die Daten 28.02.1784, 23.02.1799 und 31.03.1845 sowie letztmalig der 03.02.1862 in die Geschichte der Stadt Bad Schandau eingegraben. Da wird von Eisschollen berichtet, die einen halben Meter dick und fünf Meter lang gewesen sein sollen. Und räume da mal auf, mitten im Winter. – Wir heute Lebenden haben so etwas zum Glück noch nicht erlebt und hoffen inständig, dass das auch so bleiben möge. Da hätte der Klimawandel auch endlich einmal einen Vorteil. Nur, ob man sich darauf verlassen sollte? Besser nicht.


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27.07.2021 Initial
02.08.2021 Seite fertig
10.08.2021 Ereignisanalyse Hochwasser 2010 der Landestalsperrenverwaltung eingearbeitet

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