Wie der Nationalpark mit Rettungswegen völlig unterversorgt ist
Es gibt eine Karte, die es in sich hat. Sie kursiert schon eine Weile, geht aber eigentlich uns alle etwas an: Die Einsatzkarte Waldbrandbekämpfung der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz 2026, kurz Rettungswegekarte. Da die Karte als „vertraulich und nur für den dienstlichen und internen Gebrauch“ gekennzeichnet ist, darf sie hier leider nicht veröffentlicht werden, so dass ich nur einige Ausschnitte nachstellen kann.
Bielatalgebiet – kein Nationalpark:
Außerhalb des Nationalparks kann man davon ausgehen, dass jede Forststraße (in der Karte doppellinig) und jeder unterhaltene Fahrweg (in der Karte durchgezogen) ein Rettungsweg ist, darüber hinaus noch zahlreiche nichtunterhaltene Wege (in der Karte gestrichelt). Pro Quadratkilometer gibt es stets mehrere Rettungswege, so dass Personenrettung und Brandschutz überall gut gewährleistet sind. Dies kann als Standard angesehen werden.
Hohnstein – Vorderer Nationalparkteil:
Bereits im vorderen Nationalparkteil erkennt man einzelne Gebiete mit Durchmesser 1 Kilometer, die kaum noch von einem einzigen Rettungsweg erreicht werden.
Kleiner Zschand – Hinterer Nationalparkteil (überwiegend Nicht-Kernzone):
Im hinteren Nationalparkteil werden die Lücken noch größer. In der Originalkarte sind Borkenkäfer-Befallsflächen hellbraun markiert und man erkennt dass es oft diese Gebiete sind, in denen es nur unzureichend Rettungswege gibt. Hier ist die Brandlast und die Undurchdringlichkeit besonders hoch.
Thorwald – Hinterer Nationalparkteil (überwiegend Kernzone):
Ganz stark ausgedünnt ist das Rettungswegenetz in der Kernzone östlich des Großen Winterberges. Hier sind quadratkilometergroße Gebiete ohne Rettungsweg die Regel.
Bange Frage: Was ist, wenn Rettung nötig wird? Am 02.10.2026 ist ein Wanderer den Affensteinen abgestürzt. Trotz einer Entfernung von nur 100 Metern zum gut begehbaren Wanderweg Königsweg haben 28 Rettungskräfte (12 Bergretter und 16 Feuerwehrleute) sechs Stunden benötigt, um den Verunglückten zu retten, mitten in der Nacht, von 22 bis 4 Uhr. Am 31.03.2024 hat sich ein fünfjähriger Junge in der Rathener Kernzone verirrt. Ein Großaufgebot aus Rettungskräften brauchte neun Stunden, um ihn wiederzufinden. Die Suche dauerte von 13 bis 22 Uhr.
Schnell gibt es die üblichen Schuldzuweisungen. Der abgestürzte Wanderer war angeblich angetrunken, was hat der auch nachts im Wald zu suchen? Und werden nicht Waldbrände zu 95 % von Menschen verursacht? Andersherum: Die Brandlast ist zu hoch. Es wird kein Holz entfernt. Die damit verbundene Brandgefahr wird kleingeredet und verharmlost. Die Zahl der zu schützenden Objekte und Ortslagen wird viel zu niedrig angesetzt. Die Breite der Schutzsäume um die Siedlungen ist viel zu schmal. Und natürlich wachsen die Wege immer mehr zu.
Doch all das ist Abspaltung und Projektion. Wir spalten die Schuld von uns ab und projizieren sie auf andere. Doch das ist wenig hilfreich. Es werden immer Wanderer verunglücken, egal, ob selber Schuld oder unschuldiges Kind. Es wird immer wieder Waldbrände geben, egal ob Brandlast oder Brandstiftung.
Naturlandschaft oder Kulturlandschaft?
Unser Wald wird seit 30 Jahren nicht mehr gepflegt. Ist ja auch in einem Nationalpark grundsätzlich bis zu einem gewissen Grad richtig. Doch mittlerweile ist im Nationalpark eine Landschaft ganz eigener Art entstanden. Eine Mischung aus Natur und Verwilderung einer vernachlässigten Forstplantage.
Unser inneres Waldbild gründet sich auf das Märchen von Hänsel und Gretel und das Caspar-David-Friedrichsche Bild „Waldinneres bei Mondschein“. Wir denken, unser Wald sei eine Naturlandschaft – Kultur gibt es in Dresden, im Kulturpalast und in der Gemäldegalerie. So fragt auch Erich Wustmann in dem Film „Bei uns zu Haus im Kirnitzschtal“ im Jahr 1982 (42:10) „Und die Kulturfrauen im Forst – die sind wohl für das Kulturleben in der Brigade verantwortlich?“.
Eher nicht. Die Kulturfrauen heißen Kulturfrauen, weil sie die Forstkulturen anlegen. Sie fahren in den Großen Zschand hinaus, um die Kahlschäge wieder mit Fichten aufzuforsten. Unser Wald ist gar keine Naturlandschaft, sondern eine Forstkultur. Auch wenn wir nur allzu gern den Wald für eine Naturlandschaft halten.
Wegeunterhaltung in Kultur- ./. Naturlandschaft
Mit der Forstkultur sind auch die Forstwege entstanden. In der linkselbischen Sächsischen Schweiz, außerhalb des Nationalparks, sind die Wege nach wie vor die ganz gewöhnlichen Wald-Wirtschaftswege. Auf den schmaleren nichtunterhaltenen Wegen, fahren die Forstmaschinen in den Wald. Auf den breiteren Forststraßen werden die Polder dann von den „Ziegenbalg“-Lastern abtransportiert. Die Wege werden durch die Forstwirtschaft unterhalten und amortisieren sich letzendlich über den Holzverkauf. Wegeunterhaltung ist teuer. Der Aufwand ist aber erforderlich, denn irgendwie muss das geschlagene Holz ja aus dem Wald hinaustransportiert werden. Diese Wege stehen zugleich als Rettungswege zur Verfügung.
Doch im Nationalpark werden die Wege nicht mehr für Forstzwecke benötigt. Es herrscht Prozessschutz, Natur Natur sein lassen. Doch was bedeutet das für die Rettungswege?
Möglichkeit 1: Man tut nichts. Dann werden die Wege langfristig untergehen (dass dies bei Wanderwegen möglicherweise erwünscht ist, ist ein anderes Thema.)
Möglichkeit 2: Wenn man die Wege als Rettungswege erhalten will, muss man den Aufwand, der nun ja nicht mehr vom Holzerlös bezahlt wird, aus dem Staatshaushalt bestreiten.
Was bedeutet das für einzelnen Wege?
Das Ergebnis zeigt die Rettungswegekarte und es ist überall in der Landschaft erkennbar. Einige wichtige Hauptachsen, z. B. Pionierweg, Zscherregrund, Brandstraße, Zeughausstaße, Untere Affensteinpromenade werden wohl nach wie vor gut erhalten werden. — Dann folgt allerdings eine gewaltige Grauzone, Wege, bei denen man sich fragt, was wird aus diesen Wegen? Einfach mal die Winterbergstraße ansehen, da müsste mal wieder was gemacht werden. Holzlagerplatzweg Schmilka: Was, wenn die Stützmauern dort einmal baufällig werden? Schindergraben Hohnstein: Da sind immermal wieder die Brücken weg, gut, dass die Stadt Hohnstein die wieder repariert. Im Polenztal ist der rechte Polenztalweg 2017 (ex Rot Punkt) klammheimlich entmarkiert worden, ebenfalls baufällige Stützmauern, die wegen Geldmangel nicht erneuert werden können. Der Roßsteig ist über weite Strecken kaum mehr, als nur noch ein Fußweg, es ist dies die einzige Verbindung zwischen Winterberg und Zeughaus, freilich mit dem 32-%-Steilstück am Goldstein, das schon immer problematisch war. Uttewalder Grund: Zur Waldidylle führt gar kein Rettungweg mehr. Elbleitenweg: Schwieriger Fall, mit Pkw gerade noch passierbar. — Und dann gibt es gewaltige Löcher, die oft überhaupt nicht wahrgenommen werden und die in keinem Freischneideplan auftauchen, keine Kapazität. Der Vordere Thorwaldweg ist zwar als Rettungsweg dargestellt, aber völlig verbrochen. Der Brückengrund südlich der Felsenmühle: Kyrie eleison. Zu den Thorwalder Wänden führt gar kein Weg mehr hin, quadratkilometerweise völlig undurchdringliche Wildnis. Ziegengrund: Einst ein guter Wirtschaftsweg, völlig verfallen. Der Stimmersdorfer Weg am Altarstein heißt Stimmersdorfer Weg, weil das einmal der Weg nach Stimmersdorf war. Im Habichtsgraben: Gewaltige Hänger, gegen die man einigermaßen machtlos ist. Kehlloch: Längst zu, weil da 2010 niemand die Stützmauern repariert hat. Wolfsbergweg: In die Jahre gekommen. Holländerweg Tiefer Grund - Waitzdorf: fraglich. Forstgraben: Ungepflegt und verbrochen.
Aber was, wenn es wieder einmal brennt? Oder wenn jemand abstürzt? Oder wenn ein kleines Kind verloren geht? Und es sind auch noch viele andere Situationen denkbar, in denen Rettungseinsätze erforderlich sind. Der Hubschrauber kann letztendlich nur den finalen Abtransport bewirken. Und es kann doch nicht jedesmal ein zweistelliges Feuerwehr-Räumkommando mit Kettensägen ausrücken und stundenlang freisägen. Und auch mal daran denken: Bergretter und Feuerwehr – das sind alles Ehrenämtler. Die müssen es dann immer richten, wenn ansonsten keiner da ist.
Fazit
Die Nationalparkverwaltung tut, was sie kann. Eine andere Frage ist aber: Hat sich irgendjemand im Umweltministerium schon einmal darüber Gedanken gemacht, dass mit Wegfall der Holztransportes im Nationalpark auch die Finanzierung der Rettungswege weggefallen ist? Und dass diese nun anderweitig bezahlt werden müssen? Diese Frage hätte man sich eigentlich bereits bei der Nationalpark-Gründung stellen müssen. Das mal durchrechnen. Doch das ist m. W. nie erfolgt. Die Wege waren eben immer einfach „schon immer da“. Bei ganz vielen Wegen ist ab Nationalparkgründung niemals wieder auch nur irgendeine Art von Wegunterhaltung erfolgt. Bei Wanderwegen ist dies ein anderes Thema, aber bei den Rettungswegen fällt es uns nun auf die Füße.
Es könnte freilich auch sein, dass für Rettungswege das Innenministerium zuständig ist. Oder das Finanzministerium? Nur – ob es dort gerade einen Haushaltposten für den Nationalpark gibt? Die denken doch sicherlich, mit dem Nationalpark-Haushaltposten aus dem Umweltressort ist alles schon bezahlt.
Der Nationalparkverwaltung ist die Unterversorgung der Landschaft mit Rettungswegen gewiss bewusst. Das zeigt die Karte sehr deutlich. Es müsste viel mehr Rettungswege geben. Auch denke ich, dass es kein Zufall ist, dass man die Borkenkäferflächen in die Karte eingetragen hat. So sind die riesengroßen Flächen ohne jegliche Annäherungsmöglichkeit für jeden Kartenbetrachter sofort sichtbar.
Caspar David Friedrich: Waldinneres bei Mondschein. Alte Nationalgalerie Berlin. Bei näherer Betrachtung zeigt das Bild freilich eine Kahlhiebfläche, also weniger einen Naturwald, als einen Nutzforst, und das bereits vor 200 Jahren.
Nachbemerkung: Interessant ist, dass im Nationalpark gelbe Wege der Einsatzwegekategorie 2a ausgewiesen sind, die es außerhalb des Nationalparks nicht gibt. Man hat also Kategorie 2 in die beiden Kategorien 2a und 2b unterteilt und so die Kat. 2a geschaffen, die bereits mit dem leichteren Tanklöschfahrzeug TLF 3000 befahren werden kann (Wikipedia: Allrad, 14 t schwer, „ideal für unwegsames Gelände“, wohingegend das TLF 4000 „rot“ 18 t wiegt).
Vergleich Einsatzwegekategorie (EWK) Rettungswegekarte — Wegklasse Böhm-Wanderkarten (Halbklasse)
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09.10.2026 Inital
11.10.2026 In Arbeit
12.10.2026 TLF 3000/4000 ergänzt
14.10.2026 Kartennachstellungen eingebaut





